„Schulabbrecher darf es in unserer Gesellschaft nicht mehr geben“
Bis zum Jahr 2030 werden auch im Norden Tausende von Arbeitskräften fehlen - im Gespräch erläutert Volker Tschirch, Hauptgeschäftsführer des AGA-Unter- nehmensverbandes Hintergründe und Auswege aus dieser Entwicklung
| 27.01.2012 |
Von Stefan Lipsky
Der Fachkräftemangel kommt nicht über Nacht über die deutsche Wirtschaft. Welche Schritte müssen jetzt unternommen werden?
Tschirch: Grundsätzlich brauchen wir einen Mentalitätswandel, um ältere und bewährte Arbeitnehmer davon zu überzeugen, wirklich bis zur Altersgrenze oder darüber hinaus tätig zu sein. Wir müssen uns um Frauen, junge Mütter und Jugendliche, auch mit Migrationshintergrund bemühen, sie in die Betriebe zu bekommen oder dort zu halten.
Der Fachkräftemangel kommt nicht über Nacht über die deutsche Wirtschaft. Welche Schritte müssen jetzt unternommen werden?
Tschirch: Grundsätzlich brauchen wir einen Mentalitätswandel, um ältere und bewährte Arbeitnehmer davon zu überzeugen, wirklich bis zur Altersgrenze oder darüber hinaus tätig zu sein. Wir müssen uns um Frauen, junge Mütter und Jugendliche, auch mit Migrationshintergrund bemühen, sie in die Betriebe zu bekommen oder dort zu halten.
Wo sehen Sie die Ursachen für die Defizite, die die Leistungsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigen?
Einer der Hauptgründe ist der demographische Wandel. Seit Langem ist bekannt, wann die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Jetzt gibt es zurückgehende Kinderzahlen, damit auch weniger Bewerber auf Lehrstellen und weniger Arbeitskräfte. Außerdem war es ein sozialpolitischer Fehler, Arbeitskräfte teilweise ab Mitte 50 bereits in den Ruhestand zu schicken.
Können Sie Beispiele für diese Entwicklung geben?
Der Fachkräftemangel ist inzwischen auch für Groß- und Außenhändler sowie für unternehmensnahe Dienstleister zur Realität geworden. Es werden nicht nur hochqualifizierte Akademiker gesucht, sondern vor allem kaufmännische und gewerbliche Fachkräfte mit speziellen Fähigkeiten und Berufserfahrung. Laut einer Studie gibt es im Wirtschaftszweig Großhandel bis 2030 einen Arbeitskräftemangel von ca. 75.000 Personen, davon ca. 20.250 mit Hochschulabschluss, 42.000 mit Berufsabschluss und ca. 12.750 ohne beruflichen Abschluss. Für Schleswig-Holstein sind das ca. 3.000 fehlende Arbeitskräfte, davon 2.500 Fachkräfte. Für Hamburg sind das ca. 3.500 fehlende Arbeitskräfte, davon 3.000 Fachkräfte.
In welchen Bereichen und bei welchen Qualifikationen fehlen Mitarbeiter?
Nicht die High Potentials sind der Engpass. Mittelständische Unternehmen suchen Mitarbeiter, die was können und die etwas leisten wollen. Wer beruflich nicht exakt die passenden Qualifikationen mitbringt, kann häufig in kurzer Zeit das lernen, was im Unternehmen benötigt wird. Wenn die Motivation stimmt, klappt das.
Gibt es Untersuchungen über das Ausmaß des Fachkräftemangels?
Ein Indikator für den Fachkräftemangel ist der Zeitbedarf, der erforderlich ist, um offene Stellen zu besetzen. Mit der aktuellen Wirtschaftsanalyse für den norddeutschen Dienstleistungssektor wurden mehr als 1.000 Unternehmen befragt, wie lange es durchschnittlich dauert, bestimmte Positionen zu besetzen, und wie lange es aktuell dauert. Derzeit werden mehr als 14 Wochen benötigt, bis eine qualifizierte Position besetzt ist. Das sind 5,6 Wochen länger als die durchschnittliche Suchdauer.
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